Unser Jubiläum — Achtzig Jahre

Schon wieder ein Jubiläum, ein richtig rundes im Jahr 2000.

1969 schrieb uns Gerhard Marcks als Begleitwort zu seiner Ausstellung: "80 Jahre alt. Das konnte dazu nur kommen, weil man einige Gelegenheiten umgebracht zu werden, verpaßt hat..." Damals ging es um ein Menschenalter, das der Künstler um mehr als weitere 10 Jahre überlebte. Bei einer Kunsthandlung oder Galerie bedarf es fast noch mehr glücklicher Umstände, um dieses Alter zu erreichen. Nur wenige schaffen es. Deshalb habe ich darüber etwas nachgedacht und will versuchen das Ergebnis zu formulieren.

Der Handel mit Kunstwerken ist meist in sehr hohem Maß von der Person des Kunsthändlers abhängig. Das gilt speziell bei der Kunstvermittlung über eine Galerie. Auch die normalen Auktionshäuser sind von der Persönlichkeit des Auktionators bestimmt. Die in der Moderne weltweit agierenden Riesenfirmen und der sich jetzt etablierende Internethandel lassen mit ihrer Anonymität einige der wichtigsten Qualitäten und Funktionen des Kunsthandels vermissen.

Zwei schwer miteinander zu verbindende Gegensätze sind in einer Kunsthandlung bzw. Galerie zusammengefügt: die Firma, das Geschäft, das Handelshaus einerseits und andererseits die Person des Inhabers, des Chefs, des Händlers selbst, der für die Kunstinteressenten, die Kunstliebhaber und letztlich die Kunden und Sammler Ansprechpartner ist. Von ihm müssen umfassende Kunstkenntnisse, ein starkes Einfühlungsvermögen in die Welt der Kunst, Begeisterung und Überzeugungskraft erwartet werden. Er soll bei den Interessenten und Besuchern, z.B. einer Ausstellung, die Anteilnahme und das Verständnis für die Kunst im allgemeinen oder für die Kunst einer Epoche, einer Künstler-Gruppe oder für einen einzelnen Künstler wecken. Die Realisierung der Kunstvermittlung, also der Verkauf eines Kunstwerkes, der kaufmännische Akt können zwar das Ergebnis sein, sollten jedoch nicht im Vordergrund seiner Bemühung stehen. Die Beratung im Sinne der Information, die Übermittlung von Kenntnissen sind das Wichtigste um die Liebe zur Kunst und ihre Verbreitung zu fördern.

Diese Aufgabe kann nur von einer dafür geeigneten Persönlichkeit wahrgenommen werden. Eine Galerie wird nur dann über das Wirken des Gründers hinaus länger bestehen, wenn der Nachfolger etwa gleiche Qualitäten mitbringt. Anderenfalls, wenn es keine adäquate Persönlichkeit gibt, die das Unternehmen weiterführt, ist das Wirken der Galerie beendet. Nach 50 Jahren bereits ist eine neue Generation als Leitung Vorbedingung.

Die andere Form des Kunsthandels ist das Auktionswesen. Auch hier ist die Persönlichkeit des Auktionators für die Art und Qualität sowie den Erfolg des Auktionshauses entscheidend wichtig. In den kleinen und mittelgroßen Firmen bleiben der Chef und vielleicht seine rechte Hand (der Sohn, die Tochter, ein langjähriger Mitarbeiter) der maßgebliche Ansprechpartner für das Publikum. Die Nachfolgeprobleme sind jedoch auch hier enorm und es gibt oft nach der 2. Generation das "Aus" bzw. den Verkauf des Namens an einen anderen Auktionator. Nur so ist es erklärlich, daß einige Auktionshäuser ihren Ursprung Jahrhunderte zurückdatieren. Hier ist der Kunstvermittlungsvorgang auf das rein geschäftliche reduziert. Es geht nur noch darum, die Kunstobjekte in Geld zu verwandeln, zum Nutzen der "Auflieferer" und des Auktionshauses.

Es ist symptomatisch für unsere Zeit, daß man Kunstwerke zunehmend nach ihrem Geldwert beurteilt. Die rein künstlerische Qualität und Aussage tritt in den Hintergrund. Der "Wert" ist das, was für das Publikum im Zentrum des Interesses steht. Daß sich der Kunsthandel jetzt schon überwiegend über die Auktionen vollzieht, ist eine Folge davon. Auf die Dauer leiden darunter das echte Verständnis und die echte Liebe zur Kunst, was für viele Kunstfreunde eine große Sorge bedeutet. Es wäre sehr bedauerlich, wenn die breite Straße der Kunst in einem Sumpf von modischer Pseudokunst und bei der Produktion von Sensationsobjekten enden würde. Hoffen wir auf das Gegenteil.

 

Florian Karsch im August 2000